Amerika
11. April 2018

Liebe ausländische Gründer, kommt bitte nicht zum Fundraising ins Silicon Valley

"Jeden Tag kommen ein Dutzend Gründer mit glänzenden Augen ins Silicon Valley mit der Hoffnung, VCs zu treffen, die ihre Unternehmen finanzieren - mein Rat an die Gründer.... stellt euch bitte auf Enttäuschungen ein!"

ES KAM IN JÜNGSTER VERGANGENHEIT IMMER HÄUFIGER VOR, dass ich internationalen Gründern immer denselben Ratschlag gab. Kurz zum Hintergrund: Durchschnittlich landen jeden Tag über 100 internationale Flüge in SFO. Wir können ziemlich sicher davon ausgehen, dass in jedem dieser Flieger ein Dutzend Startup-Gründer aus fernen Ländern sitzen. Alle kommen mit der Hoffnung (und dem Hype), Risikokapitalgeber zu treffen, die in ihre Unternehmen investieren (und das zu Silicon Valley Bewertungen) und dadurch ihre Träume (und Wachstumsprognosen) wahr werden lassen. Mein Rat.... Gründer müssen sich auf Enttäuschungen einstellen.

Silicon Valley ist die Olympiade der Startups. Über USD 84bn wurden 2017 von US-VCs investiert, davon ~ 40% in der SF Bay Area (San Francisco + Silicon Valley). Interessant dabei ist, dass auf der einen Seite die Anzahl von Series A Investitionen seit 2015 kontinuierlich sinkt; auf der andeen Seite allerdings die durchschnittliche Rundengröße steigt. Die Latte wurde schon immer mit jeder folgenden Runde angehoben; jetzt steigt sie quasi ins Unermessliche.

Doch der Reihe nach. Startups im Silicon Valley erhalten die höchste Bewertungen der Welt (China's Startup-Szene ausgenommen; das wird zu einem späteren Zeitpunkt separat betrachtet). Das liegt nicht daran, dass die Investoren hier "stupid whales" sind, die gerne überbezahlen, sondern weil die Unternehmen im Allgemeinen mehr wert sind. Tech-Talente sind schwer zu bekommen, was zur Folge hat, dass sie sehr teuer sind. Hat man es geschafft, ein super Team zusammen zu stellen, ist dieser Erfolg quasi nicht in (Bit)-Gold aufzuwiegen. Außerdem hilft es, dass fast alle der größten Technologieunternehmen hier entweder ihr Hauptquartier oder zumindest eine Außenstelle haben.

Ein weiterer Faktor, der massiv auf die Bewertung Einfluss nehmen kann, ist, dass es nicht genug Ingenieure gibt und ein absoluter Wohnungsmangel herrscht. Das führt zu einem harten Wettbewerb, höhere Gehälter und überhöhte Wohnkosten. Um das zu stemmen, muss also mehr Geld aufgebracht werden, damit die nächsten Meilensteine erreicht oder weitere Runden durchgeführt werden können. Das alles ist ein "real pain the ass" mit wenig Aussicht auf Besserung. Gründer, die sich als Ziel gesetzt haben, das Unternehmen für den Betrag x zu verkaufen oder einen erfolgreichen IPO hinzulegen, lassen sich von diesen Zuständen allerdings nicht abschrecken - oftmals zeugt diese Einstellung von Mut, aber gelegentlich auch von Dummheit. Wie sich dieses Verhalten auf die "Normalen" in der Branche auswirkt, ist eine andere, sehr lange Geschichte.

Es folgt der Auftritt des hoffnungsvollen, ausländischen Gründers, der schon durch mit einem oder fünf Accelerators zusammengearbeitet hat, vielleicht schon das erste Geld von einem lokalen Angel gesammelt hat und ist sieht nun die Chance, "richtiges" Geld zu machen. Was folgt, ist die Reise nach San Francisco, um die Series A dort erfolgreich abzuschließen. Mit im Gepäck: Ein selbst zusammengebasteltes Deck, basierend auf einem Geldbetrag mit dem man einen konservativen, pragmatischen Ansatz verfolgt.

Vor allem die europäischen Gründer orientieren sich an der traditionellen Wirtschaft, die auf extreme Detailgenauigkeit und einem langsamen, konservativen Wachstumsansatz fokussiert ist. Diese Bottom-up-Methode führt dazu, etwas zu entwickeln, das eher einem Feature als einem Produkt ähnelt, geschweige denn einem schnell wachsenden Plattformgeschäft, das ganze Sektoren und Industrien revolutionieren wird.

Fehler #1

Zu klein gedacht. Startups sind ein binäres Geschäfte. Ein technologischer Durchbruch gibt Gründern die Möglichkeit, einen großen bestehenden Markt aufzumischen oder einen schnell aufzubauen, den es bis dato noch gar nicht gab. Das bedeutet 10x die Kosten, Geschwindigkeit aber auch 10x den Komfortvorteil gegenüber dem "traditionellen Weg" Dinge zu tun und gleichzeitug ein Produkt zu entwickeln, das sich wie von selbst verkauft. Über eines sollte man sich allerdings im Klaren sein: Egal welche Idde man hat oder über welche Opportunität man stolpert, man ist definitiv nicht der Einzige, der an diesem Produkt oder Service tüftelt. From that point it is an all out sprint and land grab.

Während manche denken: "Was ist der Mindestbetrag, den ich aufbringen kann, und wie kann ich jeden Prozentpunkt des Eigenkapitals in meinem Unternehmen bis aufs letzte ausnutzen?" leben die "klugen" Gründer nach der "Der Gewinner Bekommt Alles" Mentalität a la wenn Geld keine Rolle spielen würde, wie schnell kann ich dann wachsen und diesen Markt durchdringen? - Ohne Frage, die Letzteren gewinnen für gewöhnlich und ziehen den Neid der anderen auf sich.

Fehler #2

Davon ausgehen, dass man als Tourist Geld einsammeln kann. Die Besten und Klügsten siedeln ihr Unternehmen ganz bewusst in Silicon Valley an. Nämlich dann, wenn sie ein global-agierendes, anstatt eines regionalen Unternehmen aufbauen möchten. Silicon Valley Investoren haben die freie Wahl und stecken ihr Geld in 2,500 bis 3,000 Startups jedes Jahr. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf, erscheint es relativ unlogisch, dass die Investoren in Unternehmen investieren, die zum einen im Ausland agieren und zum anderen ein Team beschäftigen, dass die Investoren wahrscheinlich nie kennenlernen werden. Abgesehen von der Unterschrift auf dem Scheck, können die Investoren keinen Einfluss nehmen und Mehrwert bieten. Die Resultate werden im besten Fall durchschnittlich sein - Die Frage stellt sich also, warum die Investoren aktiv werden sollte. Die Antwort ist, dass die meisten es nicht tun würden.

Es gibt eine kleine, aber wachsende Minderheit von Silicon Valley VCs (mich eingeschlossen), welche die technologischen Stärken verschiedener Regionen der Welt in Kanada, Israel, Europa und Südostasien erkannt haben. Diese Investoren steigen in ein Flugzeug, bauen Netzwerke in diesen Regionen auf und suchen nach den besten Unternehmen mit Technologie, die universell einsetzbar ist und in die wir investieren können.... und das zu lokalen Bewertungen (5-10x billiger als im Silicon Valley).) Dann helfen wir diesen Unternehmen, Büros in San Francisco zu eröffnen, erweitern ihr Management-Team mit erfahrenen und vertrauten Unternehmern, während die Tech-Ingineure im Heimatland agieren, wo die Kosten geringer sind und - wenig später - ihre nächste Series als neu transformierter Silicon Valley-Held durchzuführen.

Wichtig ist, dass der Gründer über die hiesigen Spielregeln Bescheid weiß. Am besten ist es, man kommt ins Silicon Valley, lernt die Mentalität kennen, vernetzt sich mit den wichtigen Leute und reist zurück, um fokussiert am Produkt  zu arbeiten. Wenn man anschließend das Gefühlt hat, ein marktfähiges Produkt zu haben, zu den besten der Welt zu gehören und über ausreichend liquide Mittel zu verfügen, um ein Office im Silicon Valley zu eröffnen, kommt man zurück. Alternativ kann man sich auf dem Heimatmarkt nach Investoren umschauen, die einem auf dem Weg gen Silicon Valley unterstützend zur Seite stehen können.

In jedem Fall wünsche ich den Gründern viel Erfolg und hoffe, den einen oder anderen in San Francisco und/oder Ihrer Heimatstadt zu sehen.

Zuerst gepostet auf Medium on 22. März 2018.